# Buchbeitrag: Gedankliche Bruchstücke für mentales Wohlbefinden in einer lauten Welt

Dieser Beitrag ist zuerst in Buchform erschienen. Im Sammelband “Das Los des Lassens” bin ich mit 22 weiteren Autorinnen und Autoren zum Phänomen des Loslassens vertreten. (Herausgeberin: © 2022 Sabrina Steiner, fertig. PR & mehr Sabrina Steiner).

Über Vergangenes, Zukünftiges & das Hier und Jetzt …

Regelmäßiges Aussortieren gedanklicher Verstrickungen ist ein vorzüglicher Hebel, den Kopf wieder freizubekommen. Denn mentaler Überfluss belastet, verengt die Sicht auf die Dinge und verbaut den Weg zu grundsätzlicher Zufriedenheit.

Wach und präsent wollen wir dagegen sein, um produktiv und mit Freude im Leben zu stehen. Meist gelingt dies nicht, wenn wir krampfhaft versuchen, an etwas festzuhalten.

Lösen wir uns dagegen bewusst von dem, was uns zurückhält, sind wir frei. Frei von Begrenzungen, die wir uns selber auferlegen, indem wir uns einsperren in gedankliche Konstrukte. Konstrukte, die nicht real existieren, sondern lediglich imaginiert in vergangenen, zukünftigen oder jetzigen Vorstellungen auftauchen.

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Loslassen wollen wir meist nicht von einer Vergangenheit, in der wir uns eingerichtet haben und mollig warm über die längst verlebte, aber nicht vergessene Zeit sinnieren. Gutes oder Schlechtes mag hier passiert sein, doch unabhängig welcher Prägung, halten wir daran fest. Es ist uns vertraut und bekannt. Wir wissen mehr oder weniger gut damit umzugehen, haben unsere Lehren vielleicht daraus gezogen und meinen, diese Schatzkiste nicht aufgeben zu können.

Was aber, wenn uns diese Kiste, schwer wie sie ist, nur blockiert und daran hindert weiterzukommen, um den nächsten Schritt zu machen? Ein Schritt, der uns ermöglichen würde, als Individuum zu wachsen. Aus festgefahrenen Strukturen auszubrechen, um die Möglichkeiten zu entdecken, die in der Welt auf uns warten.

Die Binsenweisheit spricht vom Leben, das nur rückwärts verstanden werden kann. Dies wird möglich, wenn auch vorwärts gelebt worden ist. Das Vorwärts gelingt am besten, wenn wir Vergangenes loslassen. Wir brauchen es dabei nicht mal zu vergessen, dürfen positive wie negative Erfahrungen erinnern, prägen sie doch entscheidend, wer wir heute sind und wie wir in der Welt agieren.

Verklären wir Vergangenes daher weder als verschenkte Gelegenheiten noch als romantisierende Erinnerungen an die Sonnenseite des Lebens. Akzeptieren wir stattdessen die gemachten Eindrücke verschiedenster Couleur und nehmen sie auf ins persönliche Portfolio. Eine Art Lebenstagebuch, welches wir gelegentlich aus dem Regal ziehen können, um gemachte Erfahrungen wieder aufleben zu lassen.

Dafür sind gedankliche Niederschriften geeignet: Um Eindrücke loszulassen, ihnen auf dem Papier oder digital einen Platz zu geben, an dem sie ihre volle Kraft zu einem späteren Zeitpunkt nochmals entfalten können. Gesteuert aber durch einen Rahmen, den wir selber intuitiv bestimmen. Denn nur dann, wenn wir uns dem Vergangenen aktiv zuwenden und das Aufgeschriebene wieder zur Hand nehmen, erlauben wir uns, die gemachten Erfahrungen erneut aufzugreifen. In einem solchen Augenblick tun wir dies bewusst, indem wir ihnen Raum und Zeit geben, den wir in einem wachen Moment selbst bestimmt haben.

Dies ist möglich, weil wir die Eindrücke in vergangener Zeit einmal losgelassen haben; gedanklich losgelassen und in ein anderes Medium überführt. Durch dieses Medium, ob altmodisches Papier oder neuzeitlicher Datensatz, wird zugleich ein Loslassen und Behalten realisiert. Welch wunderbare Möglichkeit, Gedanken gehen und gleichzeitig konservieren zu lassen, ohne aber den täglichen Ballast zu tragen, der gewissen Erfahrungen anhaftet. Aus dem Kopf, aus dem Sinn. Temporär jedoch nur solange, bis wir uns unterbewusst daran erinnern, ein vergangenes Stück Erfahrung bewusst nochmal erleben zu wollen. Indem wir das Aufgeschriebene erneut zur Hand nehmen, realisieren wir diese Möglichkeit.

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Loslassen auch das noch nicht Erlebte. Die Projektion von Sorgen, Wünschen und anderen Szenarien in die ungeschriebene Zukunft. Eine Zukunft, die noch nicht existiert, uns aber trotzdem schon gedanklich in Aufruhr versetzt und das aktuelle Befinden beeinflusst. Diese Fähigkeit, in zeitliche Dimensionen zu tauchen, macht zauberhafte Reisen möglich und erlaubt uns somit, dem Alltag kurzfristig zu entkommen.

Einzutauchen in eine bessere Zukunft gibt haltende Hoffnung und macht die aktuell unliebsame Situation erträglicher. Gedanklich fühlen wir uns geborgen. Solch eine Projektion kann somit zum emotionalen Anker werden und dabei helfen, den eigenen Sumpf zu verlassen. Sie dient dann als mögliche Triebfeder für das Streben nach dem imaginierten Ziel.

Nicht immer aber fungiert gedankliche Projektion als Antriebsfaktor, der auch tatsächliche Bewegung initiiert. Denn im gleichen Verhältnis wie unser Vorhaben mental in die Zukunft projiziert wird, verschiebt sich auch oft der Handlungsimpuls, tatsächlich etwas umzusetzen. Somit besteht Gefahr, den eigenen Zielen lediglich hinterherzulaufen, ihnen inhaltlich aber nie gewahr zu werden. Loslassen an dieser Stelle bestünde darin, der rein imaginierten Zukunft weniger Beachtung zu schenken, um vielmehr den eigenen Handlungsspielraum im Hier und Jetzt aktiv für die reale Gestaltung der Zukunft zu nutzen.

Loslassen also auch das, was noch nicht einmal eingetreten ist. Denn imaginiertes Wunschdenken kann ferner der eigentlichen Realität nicht sein. Erfreulich zwar, wenn positives Denken auf gute Visionen trifft. Nicht hilfreich aber, von ihnen geblendet zu werden. Was als übergreifende Vision für ein langfristiges Ziel noch helfen mag, ist für das praktische Handeln im Heute nicht immer dienlich.

Denn Leben lebt sich immer nur im jetzigen Moment. In dieser und jeder Sekunde. Einzeln für sich. Einatmen. Ausatmen. Unmittelbarer geht es nicht, sich von gedanklichen Konstrukten zu befreien. Ein Loslassen, verstanden als praktische Tätigkeit auf dem emotional intelligenten Weg in Richtung Freiheit.

Vieles von dem, was wir gedanklich produzieren, ist lediglich eine Krücke. Ein weg von, um uns nicht mit der Realität auseinanderzusetzen. Was aber, wenn wir uns dieser Realität kompromisslos stellen würden? Was, wenn wir sie annähmen, statt ihr gedanklich zu entfliehen? Sie mutig als zu überwindende Herausforderung akzeptierten und sie ein Sprungbrett sein ließen, um das nächste Level im Spiel des Lebens zu erreichen? Vermutlich wären wir der persönlichen Freiheit schon ein Stückchen näher.

Um dieser Freiheit entgegenzugehen, ist Selbstverantwortung das wichtigste Mittel. Verantwortung übernehmen für das eigene Leben. Auch für jegliche Altlasten, Beschädigungen und ein verletztes Ego. Ob selbst- oder fremdverschuldet spielt dann keine Rolle mehr. Nehmen wir uns der Aufgabe an und ermächtigen uns selbst, wird die Suche nach den Schuldigen obsolet.

In Konsequenz bedeutet das auch, weniger zu klagen und mehr zu handeln. Loszulassen von der Vorstellung, nicht genug zu sein, die imaginierte Bedeutungslosigkeit aufzugeben und sich als souveräne Persönlichkeit dem Leben anzubieten. Es bedeutet aufhören gelebt zu werden und die Ohnmacht hinter sich zu lassen. Zum kreativ Schaffenden zu werden, statt im unproduktiv Konsumierenden zu verharren. Den Verhältnissen entgegenzutreten, statt sich von ihnen dumm machen zu lassen. Letztendlich ist es eine Entscheidung, die wir fällen dürfen, um loszulassen. Loslassen, um die Tür zu öffnen für die individuelle Möglichkeit nach mehr.

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Loslassen auch im Hier und Jetzt. Sich freimachen von gedanklichen Verknüpfungen, die sich flüchten wollen in ein Gestern oder Morgen. Ein grundsätzliches Erdenglück gelingt dann, wenn wir es schaffen, im Augenblick präsent zu sein. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Nur das Heute, das Jetzt und dieser Moment. Nehmen wir bewusst wahr, so stellen wir fest, dass alles andere nicht existiert. Entweder ist es bereits vergangen oder noch nicht eingetreten. Sobald uns das klar ist, wird vieles leichter. Es hemmt die vergeblichen Bemühungen, verändern zu wollen, was außerhalb unserer Macht liegt.

Loslassen besteht somit auch in der Kunst, die volle Kontrolle über das Leben nicht zu beanspruchen. Es gibt nichts zu kontrollieren. Hören wir also auf, Gott zu spielen. Das eigene Wohlbefinden lässt sich damit unmittelbar steigern, weil wir uns mental von hinderlichen Mindfucks entledigen können.

Wann das einzelne Leben zu einem Ende kommt, ist unklar. Dass es jedoch kommen wird, ist höchst wahrscheinlich, denn bis heute hat es noch niemand lebend hier rausgeschafft. Verabschieden wir uns daher von der Vorstellung, das große Ganze verändern zu können und beschränken uns stattdessen bescheiden auf die Delle im Universum.

Sobald uns der Einfluss auf den Ausgang einer bestimmten Sache fehlt, dürfen wir den Fokus lieber richten auf das, was durch unser Tun auch tatsächlich veränderbar ist. Hierzu gehören dann nicht mehr die Fehler von gestern, die wir uns klagend und vorwurfsvoll immer wieder auftischen. Ebensowenig, und nicht weniger banal, das gewünschte Wetter von morgen. Ohnehin ist es nicht zu ändern und wird kommen, wie es will.

Fokus also lieber auf das, was wir beeinflussen können: Die eigene Haltung den Dingen gegenüber. Die Gewohnheiten, die wir täglich pflegen. Die Menschen, mit denen wir uns umgeben. Den Treibstoff, den wir der Biomasse zur Verfügung stellen. Die Menge an Unsinnigkeiten, die wir an uns heranlassen.

Das Leben besteht aus Entscheidungen. Und solange wir atmen, dürfen wir noch teilnehmen und spielend damit umgehen. Schokoriegel oder Apfel, Zigarette oder Sport, Konsum oder Invest? Wollen wir unverändert weitermachen oder loslassen für den Neuanfang?

Übernehmen wir doch einfach selbst die Verantwortung im unkontrollierbaren Ganzen und bewirken dort die bereichernde Veränderung, wo sie individuell machbar ist und uns größtmögliche Lebensqualität beschert. Das Unveränderliche dagegen lassen wir los. Für mentales Wohlbefinden in einer lauten Welt.

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Wenn auch Du einen Neuanfang möchtest und nicht mehr weitermachen willst wie bisher, schau gerne mal in meinem DialogRaum vorbei. Vielleicht ist authentischer Austausch im 1:1 der stimmige nächste Schritt für dich.